Freiburg, die Tagesschau und Offenheit gegenüber den Mediennutzern

Wer hat die Medizinstudentin Maria L. getötet? Diese Frage beschäftigte wochenlang die Öffentlichkeit – nicht nur im baden-württembergischen Freiburg. Als dann am Samstag ein junger Flüchtling aus Afghanistan als Tatverdächtiger bekannt wurde, ging die Meldung durchs Netz. Die Tagesschau berichtete in ihrer 20-Uhr-Ausgabe jedoch nicht darüber. Begründung: Der Fall habe „regionale Bedeutung“. Ein Shitstorm folgte, Tagesschau-Chef Kai Gniffke suchte in den Sozialen Medien das Gespräch mit den Usern. Ist diese Offenheit ein Vorbild für die Branche?

Wir Journalisten müssen stets abwägen. Was kommt ins Blatt oder in die Sendung, was nicht? Was stufen wir als hinreichend relevant ein, was nicht? Das ist Tagesgeschäft in Redaktionen. Manche Berichterstattung nimmt viel Raum ein, manche weniger. Und manche gar keinen. Letzteres war der Fall am vergangenen Sonnabend. Wochenlang hatten Ermittler nach dem Mörder der 19 Jahre alten Studentin Maria L. gesucht. Sie war im Oktober missbraucht und getötet worden. Am Samstag wurde der Tatverdächtige der Öffentlichkeit präsentiert: ein 17-jähriger Flüchtling aus Afghanistan.

Regionale Bedeutung? Fehlanzeige!

Während die Nachricht sich im Internet rasch verbreitete, sparte die 20-Uhr-Asugabe der Tagesschau das Thema aus. Ein Shitstorm folgte. Vor allem auch deshalb, weil Tagesschau-Chefredakteur Kai Gniffke die Nicht-Berichterstattung mit fehlender Relevanz begründete. Der Fall habe „regionale Bedeutung“. So viel Verständnis ich habe, was das Abwägen einer Nachricht angeht, so sehr muss ich an dieser Stelle widersprechen. Der Fall hatte schon längst nicht mehr nur regionale Bedeutung. Spätestens mit dem Sexualmord an der Joggerin Carolin G. (27) aus dem nicht weit von Freiburg entfernten Endingen. Denn damit kam die Frage auf, ob ein Zusammenhang zwischen den Taten bestehe und ein Serientäter sein Unwesen treibt.

Tagesschau-Chefredakteur Kai Gniffke ging danach auf die Kritiker zu, suchte das Gespräch. Und beantwortete am Montag schließlich Fragen der User live auf Facebook. Das Beste, was er tun konnte – auch wenn er damit sicherlich die „Lügenpresse“-Rufer nicht erreichte. Denn in Zeiten, in denen wir Journalisten von zahlreichen Kommentatoren in den Sozialen Netzwerken quasi auf Schritt und Tritt kritisch beäugt werden, da ist das beste Mittel gegen Misstrauen Transparenz. Vertrauen schaffen. Entscheidungen nachvollziehbar begründen.

Hut ab! Aber…

Durch Offenheit werden Entscheidungen bei solchen heiß diskutierten Themen für Außenstehende verständlicher. Man kann immer noch anderer Meinung sein, versteht aber besser, wie es dazu kam. Gerade heute, wo das Feedback des Medienkonsumenten nur noch wenige Mausklicks entfernt ist, ist es wichtig, dass wir uns direkt mit dem Nutzer auseinandersetzen. Auf Fragen antworten. Unklares klarer, schwer nachvollziehbare Entscheidungen verständlich machen. Insofern: Hut ab, Tagesschau! Was die Gewichtung von relevanten Nachrichten angeht, die wird beim ARD-Flagschiff hoffentlich nochmals intern thematisiert.

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