Trumpocalypse now: Wie nah sind wir Journalisten noch am „kleinen Mann“?

Er hat einen Behinderten nachgeäfft, war die Wahlempfehlung des Ku-Klux-Klans und will eine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen – und dennoch wird Donald Trump der 45. Präsident der USA. Wahlforscher und vor allem Journalisten waren über den Ausgang des vielleicht schmutzigsten Wahlkampfs aller Zeiten geschockt. Jetzt sind gut zwei Wochen vergangen. Die Schockstarre löst sich langsam. Doch warum waren meine Journalisten-Kollegen eigentlich geschockt?

Was hatte eine mögliche Wahl dieses Mannes in ihren Augen so unmöglich erscheinen lassen, dass sie der Sieg dermaßen eiskalt erwischte? Genau genommen ist die Wahl Trumps nur das jüngste politische Ereignis, das sicher geglaubte Prognosen über den Haufen geworfen hat. Ob nun der Aufstieg der AfD oder der Brexit: Die Gewissheiten gehen flöten, die Prognosen liegen daneben.

Zumindest was uns Journalisten angeht, drängt sich damit eine unangenehme Frage immer mehr auf: Haben Teile unseres Berufsstandes die Nähe zum Otto-Normal-Bürger verloren? Haben wir das Ohr nicht mehr so sehr an den Sorgen, Nöten und Ängsten des „kleinen Mannes“, wie wir sollten?

Ich habe manchmal diesen schlimmen Verdacht. Gerade auch, wenn wir die Wahl Trumps nehmen. Unsere Zunft hat sich mit Freuden auf den Mann gestürzt – mediales Futter hat er ja reichlich und zuverlässig geliefert. Doch all die großen und kleinen Skandale haben ihm seine Wähler offenbar nicht übel genommen. Egal was er tat. Warum?

„Arroganz gegenüber dem Souverän“

Genau dieser Frage müssen wir Journalisten nachgehen. Müssen hinter den Mann mit der Totschlag-Rhetorik und der „grab them by the pussy“-Haltung blicken. Auf die Menschen, die ihn gewählt haben. Schlagworte wie „Denkzettel“ oder „Wutbürger“ sind griffig, beleuchten für mich das Problem aber nicht genügend. Auch die Erklärung, dass es sich bei den Wählern halt um Abgehängte, um Ungebildete und Frustrierte handele, ist mir da zu wenig. Und nicht nur mir. Unter anderem auch dem HR-Journalisten Alois Theisen. Er kritisiert diese Begründung als „unerträgliche Arroganz gegenüber dem Souverän“.

Wenn wir einfach nur sagen, dass seine Wähler dumm sind, machen wir dann nicht genau das, was wir gerne monieren? Nämlich denken, dass es auf komplexe Entwicklungen eine einfache Antwort gibt?

In den sozialen Netzwerken sorgten wir etwa mit Witzen über Trumps Haare berechenbar für Klicks, für Likes und Shares – aber damit war nichts zu Arbeitern gesagt, die in den Staaten ihre Jobs verloren hatten. Oder zur schrumpfenden Mittelschicht. Vermeintlich lustige Trump-Nacktfiguren gingen im Netz viral. Deshalb erfuhr man aber wenig über die Political Correctness, derer große Teile der US-Bevölkerung offenbar überdrüssig geworden sind. Und das nicht erst, seit sie an den Universitäten ein Klima der Angst geschaffen hat. Ja, darüber berichteten wir auch – aber wirklich in dem nötigen Maß, um dem Phänomen hinter Trump gerecht zu werden?

Filterblasen haben nicht nur andere

Um eines klarzustellen: Sehr viele Kolleginnen und Kollegen arbeiten hart, recherchieren gewissenhaft und haben ihr Ohr an der Straße, am Puls der Gesellschaft. Jedoch glaube ich, dass die US-Wahl uns eines gezeigt hat: Filterblasen haben nicht nur andere. In Filterblasen kann sich jeder einrichten – auch wir Journalisten.

Wenn wir also Trump künftig kritisch begleiten, dann sollten wir unseren Blick und unser Ohr vor allem auch dem einfachen Bürger und seinen Sorgen widmen. So können wir einer Kluft zwischen Journalisten und Bürgern vorbeugen.

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